Samstag, November 18, 2006

Russland ist anders

Am Nachmittag des 8.11. machten sich 4 Deutsche von Lappis auf eine große Reise ins Ungewisse. Sie konnten nur erahnen, was Ihnen in den kommenden Tagen passieren würde. Viele Sagen und Geschichten rankten sich um ein seltsames Land irgendwo im Osten. Unvorstellbar groß und mit völlig anderer Mentalität.

Die erste Station ihrer Reise führte sie zum Schiffsterminal der Viking Line in Stockholm um von dort mit der Fähre nach Turku in Finnland überzusetzen. Am Hafen angekommen fanden sie auch direkt ihren Bus samt Busfahrer und einem wohlbekannten Gesicht - Frida, die an der KTH für die Betreuung der ERASMUS Studenten zuständig ist sollte ihr "tour leader" sein. Sie gaben ihre Koffer am Bus auf und warteten schließlich im Terminalgebäude darauf, endlich an Board der "Amorella" gehen zu dürfen.

Die Nacht war zwar nicht so unruhig, wie die Rückfahrt von Estland, aber gut geschlafen hatte keiner von ihnen. Zu allem Überfluss wurden sie auch noch um 5.15 Uhr (schwedischer Zeit) vom Personal geweckt, welches schon überall in den Gängen bereitstand um die Bettwäsche zu wechseln. Schade nur, dass auf dem Reiseplan unserer 4 Abenteurer nur stand, die Uhr an der finnisch-russischen Grenze eine Stunde vor zu stellen, und nicht auch schon zusätzlich auf der überfahrt nach Finnland.

Trotz Kaffee völlig übermüdet gingen sie dann wieder von Bord, warteten auf den Bus und machten sich auf eine lange, unbequeme Reise in Richtung Osten. Allerdings hat die traufhafte Winterlandschaft für einiges entschädigt. Es ließe sich noch einiges mehr berichten von der Hinfahrt, vom verzweifelten Versuch ihres Busfahrers zu tanken, vom engagierten russischen Geldwechsler, vom stark angetrunkenen Franzosen, der immer wieder lautstark auf sich aufmerksam machen musste, anstatt unsere übermüdeten Protagonisten schlafen zu lassen, von riskanten Dauerüberholmanövern, usw.



Letztendlich haben sie es aber doch geschafft, am ersehnten Ziel anzukommen: St. Petersburg. Doch anstatt sich von den Strapazen der Fahrt zu erholen, wagten sie es auf eine erste Tour durch eine riesige fremde Stadt auf der Suche nach etwas zu essen. Sicherlich fanden sich zahlreiche westliche fast-food Restaurants, aber man Entschied sich für ein kleines, etwas verstecktes Kellergewölbe an einer der großen Hauptstaßen, dem Newskij Prospekt. Direkt als Touristen entlarvt schickte die Frau an der Kasse nach einer etwas jüngeren Frau, um sich mit ihnen zu verständigen. Aber selbst das war nur sehr schwer möglich, denn Englischkenntnisse sind dort nicht annähernd so verbreitet wie in Schweden. Schließlich hatten sie es dann aber doch geschafft Pizza und ein paar Getränke zu ordern und konnten so satt und zufrieden erstmal zum Hotel zurückkehren um vor der am nächsten Morgen anstehenden sight-seeing Tour wenigstens noch etwas Schlaf zu bekommen.

Zum Frühstück erwartete sie eine angenehme Überraschung. Ein mehr als reichhaltiges Buffet, mit eigens engagierten Köchen, die Omletts, Spiegeleier oder Pfannkuchen nach den Wünschen der Gästen zubereiteten. Zusätzlich gabs noch verschiedene Sorten Müsli, Joghurt, selbst Reis und Würstchen wurden neben den eher üblichen Sachen wie Brot und Aufschnitt angeboten... Mit einer solch großen Auswahl hatten sie absolut nicht gerechnet und nahmen sich direkt vor am nächsten Morgen noch etwas früher aufzustehen , um die Mahlzeit noch ausgiebiger nutzen zu können.

Direkt nach dem Frühstück folte dann die Sight-Seeing Tour durch St. Petersburg. Mit dem Bus passierten sie sämtliche interesssanten und wichtigen Gebäude, eines beeindruckender als das andere und zuviel um alle im einzelnen aufzuzählen. Erwähnen will ich nur das absolut übliche tägliche Chaos auf den Straßen und die Adresse des Konsulats Großbritanniens: Platz der Diktatur des Proletariats.

Nachdem unsere vier tapferen Deutschen schließlich zum dritten Mal den weltberühmten Winterpalast der Eremitage passierten, durften sie auch endlich aussteigen und sich auf eigene Faust aufmachen und selbigen von innen erkunden. Selbst eine lange Warteschlange in eisiger Kälte und die Ungewissheit, wann sie nun endlich den Palast betreten durften, konnte sie (in Begleitung von Frida) nicht davon abhalten.



Das lange Warten zahlte sich schließlich aus in einem Anblick unzähliger Kunstschätze. Antike Skulpturen, prunkvolle Hallen, Gemälde von Rubens, Rembrandt u.a. und selbst der ehemalige Thron der Zarenfamilie Romanow. Allerdings hat sich auch hier schon der Kapitalismus breit gemacht. Obwohl Studenten freien Eintritt haben, wurden 100 Rubel verlangt um eine Lizenz zum fotografieren zu erhalten.


Nach soviel Kultur für einen Tag machten sich die 4 abends wieder auf, um einen Supermarkt zu finden. Joachim fragt einige Russen, als den anderen die kyrillischen Buchstaben auf der gegenüberliegenden Straßenseite entdecken. Kurioserweise wollte man sie aber in eine völlig andere Richtung schicken. Auf Nachfragen, was sich denn auf der anderen Straßenseite befände, antworteten die russen freundlich, es wäre nur ein Buchhandel. Sehr seltsam, seit wann verkauft ein Buchhandel Lebensmittel und keine Bücher?

Später suchten sie noch eine einheimische Kneipe auf, um nochmal etwas zu essen und das günstige russische Bier zu kosten. Aber wieder erfuhren sie "russische Gastfreundlichkeit": von den drei Bieren auf der Karte gab es (für unsere Touristen) nur das teure deutsche Holsten und von den vielen Cocktails nicht einen einzigen. Sie wären dort sicher noch länger geblieben, aber so wirklich erwünscht und willkommen fühlten sie sich absolut nicht. So gingen sie dann statt dessen zurück ins Hotel und erwarteten einen neuen Tag mit tollem Frühstücksbuffet und einer fahrt zum Katharinen palast in "Pushkin", einige Kilometer südlich von St. Petersburg.

Und soviel übertriebenen Prunk hatten sie wirklich noch selten gesehen. Mehrere Tonnen Gold, Bernstein und chinesisches Porzellan befinden sich an um und in dieser Anlage. Obwohl die Marmorfiguren aufgrund der Temperaturen in Holzkisten verpackt die Landschaft zierten, war der Anblick nicht weniger beeindruckend, sowohl von außen als auch von innen. Eine Fotolizenz verlangte man hier zwar nicht, dafür war es leider verboten im Bernsteinzimmer zu fotografieren und man achtete auch sorgfältig darauf, dass dieses Verbot eingehalten wurde. Das folgende Bild kann also gar nicht echt sein und muss eine Fotomontage sein...



Auf der Rückfahrt nach St. Petersburg gab man ihnen noch die Gelegenheit an der Leninstatue zu halten und dort Fotos zu machen - eigentlich kamen sie sich immer wieder wie eine große Kuhherde vor, die durch die Straßen einer Großstadt gepfercht wird. Aber was solls, so hat man immerhin einiges gesehen. Der Tag ging dann weiter mit einem Besuch in einem Petersburger Café, wo es (sogar für Touristen) günstigen Kaffee und Kakao zu trinken gab. Zum Abschluss dieses Tages gingen 3/5 der inziwschen deutsch-schwedischen Gemeinschaft für sage und schreibe 3 Euro in eine Vorstellung des von Figaros Hochzeit - nachdem ihr Busfahrer ihnen erst sagte, es würde 30 euro kosten, dann wurden die Preise "leicht verändert" nämlich auf 60 Euro. Also bevor man irgendwas organisieren lässt, am besten immer selber erstmal nachfragen. Denn 57 Euro, nur für einen besseren Platz an dem man sicher besser sieht und nur vielleicht besser hört, ist meiner Meinung nach die erhöhte Bequemlichkeit nicht wert.

Am folgenden Tag hieß es dann auch schon wieder "Abschied nehmen" und wiedereinmal früh aufstehen. Um halb 7 das Gepäck zum Bus bringen und anschließend wieder ausgiebig frühstücken, schließlich stand ihnen wieder eine lange Reise bevor. Einge Kilometer vor der Grenze hielt der Busfahrer noch in Wyborg, wo es einen großen Markt mit allerhand Kleidung und sonstigen Krimskrams gab. Die Chance, günstig eine warme Mütze zu ersteigern, ließ man sich natürlich nicht nehmen und schlug für 4 Euro gleich zu.



Glücklicherweise funktionierte diesmal die Tankstelle, an der der Busfahrer auf der Hinfart beinahe verzweifelt wäre, dennoch muss es mulmiges Gefühl gewesen sein, zu sehen, wie er in aller Seelenruhe während des Tankens eine Zigarette raucht.
Aber auch das überlebten sie schließlich, und waren wenige Zeit später froh, endlich wieder auf EU Boden zu stehen und sich nicht mehr ganz so fremd zu fühlen. Als kleine Zugabe wurde ihnen noch eine gute Stunde Aufenthalt in Helsinki geschenkt, so konnten sie sich dort auch noch ein wenig umschauen und vor allem eine gute "all you can eat and drink" Mahlzeit zu sich nehmen. Mit Pizza, Kartoffelgratin, Nudelauflauf und reichlich Salat, Kaffe und Erfrischungsgetränke natürlich auch inklusive.



Dann ging es wieder weiter nach Turku und von dort auf die Fähre zurück nach Stockholm. Von der Fahrt sollte man vielleicht noch erwähnen, dass die beiden Jungs eine von Bernie vorgeschlagene Roulette-Taktik getestet haben. So haben sie es tatsächlich geschafft aus 24 Euro so "mal eben" 87 Euro zu erspielen. (Ich höre Götz dauernd seinen Standardspruch beim Skat sagen...) Daraufhin genehmigten sie sich und Bernie - Julia war nicht mehr wirklich ansprechbar - noch einen Cocktail an der Bar und ließen die vergangenen Tage noch einmal revue passieren.

Am nächsten Morgen dann endlich wieder in Stockholm angekommen, mussten die 4 noch einige Zeit auf den Bus und ihr Gepäck warten und machten sich von dort wieder auf den Weg zurück nach Lappis.



Alles in allem eine interessante Erfahrung, die sicherlich keiner von ihnen missen möchte. Aber auf der anderen Seite wird sie so schnell vermutlich auch nichts mehr in dieses fremde, aber doch irgendwie faszinierende Land bringen. Zumindest bis sie sich das nächste Mal wieder trauen, wann auch immer das sein wird.

2 Comments:

At 08:42, Anonymous Anonym said...

Hey Florian, wusste gar nicht dass du schon in Russland bist. Viel Spaß, mach viele Photos und grüß Väterchen Frost von uns, er soll den Schnee in Deutschland nicht vergessen! Viele Grüße, Vera

 
At 02:00, Anonymous Anonym said...

Tach Herr Köhler... St. Petersburg, sehr interessant, wäre ich auch gerne mitgekommen. In westlichen Ländern kommt man ja viel rum, aber Russland hat auch für mich sowas misteriöses, was durchaus mal erkundet werden muss. Bei all dem Trara den man aber über Russland zu hören bekommt ist es jetzt nicht grade mein favourisiertes Reiseziel nächster Zeit (Polonium als Cocktail und zahllose Banden, die einem die Kreditkarten klauen wollen)...

Eine schöne Vorweihnachtszeit wünsche ich!

Andreas

 

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